österreichisches Besteck: Fina

Zwar ist es nicht alt, aber gut: Thomas Feichtners (*1970, A) Besteck Fina aus dem Jahr 2011. Und weil ja Besteck zu meinen Favoriten auf dem Gebiet von Alltagsgegenständen gehört, mein Laden für skandinavisches Vintage Design der 1950er bis 60er Jahre in Wien steht (noch dazu ums Eck von Feichtners Studio) und die alten nordischen Klassiker ruhig ein wenig zeitgenössische Konkurrenz aus Österreich vertragen können, nehme ich ab sofort Fina in mein Sortiment auf.

Zum Auftakt findet am 11.11. gemeinsam mit Thomas Feichtner im designqvist eine kleine Präsentation seines Bestecks statt, Näheres dazu unter Menüpunkt Veranstaltungen. Sozusagen als amuse gueule gibt’s hier schon einmal einen ausführlichen Blogartikel:

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Thomas Feichtner hat mir freundlicherweise viele Vorstufen seines Bestecks zur Verfügung gestellt, so nutze ich die Möglichkeit und zeige weiter unten die Entwicklung von der Skizze bis zum polierten Endprodukt.

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Thomas Feichtner wurde 1970 in Brasilien geboren, wuchs in Österreich und Deutschland auf und lebt seit 2008 in Wien. Er studierte an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz Industrial Design. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet er gemeinsam mit seiner Frau Simone in Wien.

Erste Entwürfe entstanden für Sportunternehmen wie Fischer, Blizzard, Head. In den letzten Jahren ist er v.a. als Produktdesigner für namhafte Manufakturen tätig. Seine Entwürfe umfassen etwa das Tafelservice Shortcut für die Porzellanmanufaktur Augarten, das Silberbesteck Cutt für die Wiener Silbermanufaktur, die Gewürzstreuerserie Saliera sowie das Besteck Nr. 192 für die Wiener Silberschmiede Jarosinski & Vaugoin, Betongusskerzenhalter für magdas Design, das Basso Regalsystem für die Eternit AG, etc. Leuchtenentwürfe hat Feichtner für J. & L. Lobmeyr, Karboxx und Interio gemacht. Auch zahlreiche Möbelentwürfe gibt es von ihm, umgesetzt worden sind sie u.a. von Anrei, der Neuen Wiener Werkstätte und Ton. Seine vielleicht bekannteste Sitzgelegenheit ist wohl der Linz Hocker aus dem Jahr 2009, der gerade eine Neuauflage erlebt.

Seit 1997 hat Feichtner ein eigenes Studio. Von 2002 bis 2005 unterrichtete er an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte in Linz, von 2009 bis 2014 war er Professor für Produktdesign an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, Deutschland.
Seine Arbeiten wurden international ausgestellt, seine Entwürfe sind in etlichen Museumssammlungen vertreten. 2011 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Design.

Nun zu seinem Besteckentwurf Fina

Hauptbesteck ist die Tafelgröße:

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Ergänzt wird es durch das formgleiche aber etwas kleinere Dessertbesteck, das genauso gut als Menügröße, als Vorspeisenbesteck oder als Kinderbesteck funktioniert. Natürlich gibt es auch den kleinen Kaffeelöffel und die Kuchengabel, Salat- und Vorlegebesteck.

Unten abgebildet sind (v.l.n.r.): Kaffeelöffel, Kuchengabel, Dessertlöffel, -gabel, -messer, Tafellöffel, -gabel, -messer, Salatbesteck.

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Die großen Teile scheinen gleichsam ein Blow-up der kleinsten Teile zu sein:

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Alle Griffe zeigen im Querschnitt ein leicht gebauchtes Rechteck. Die Messergriffe sind dabei deutlich materialstärker.
Kennzeichnend für Feichtners Besteck sind die trapezförmigen Laffen der Löffel bzw. Kellen der Gabeln. Die Messerklinge nimmt den Winkel von Laffe und Kelle in seinem Blatt auf. Das verleiht dem Entwurf einen optisch sehr deutlichen Zusammenhalt. Insgesamt wirkt das Besteck durch seine Geradlinigkeit sehr klar und geometrisch.
Außergewöhnlich ist die beinahe idente Länge von allen Teilen der jeweils selben Größe. Üblicherweise sind Messer deutlich länger als die dazugehörigen Gabeln und Löffel. Das hat Thomas Feichtner dadurch erreicht, dass er auch das Messerblatt kurz gehalten und an der Länge der Laffe und der Kelle orientiert hat. Diese Längengleichheit zusammen mit den in allen Teilen wiederkehrenden Winkeln vermittelt einen ruhigen Eindruck, man erfasst mit einem Blick Finas formale Aussage.

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Wie entsteht ein Besteck, was sind die Schritte in Entwurf und Herstellung?
Mit Skizzen fängt alles an, doch die kann man nicht in die Hand nehmen und sie probeweise zum Mund führen. Also: Erste basale Papiermodelle im Originalmaßstab. Im Modellbau wird viel Papier zerschnitten, diese sind noch platt:

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Diese hier sind schon andeutungsweise dreidimensional geformt:

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Für einen echten haptischen Eindruck, der relevant für das endgültige Besteck sein soll, programmiert Thomas Feichtner ein 3D-Rendering, das schließlich mit Prototype Printing in Kunststoff gedruckt wird:

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Hier sieht man also bereits unterschiedliche Materialdicken und Wölbungen:

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Die Zinken der Gabel bleiben für bessere Stabilität des Prototyps mit einem Steg verbunden.
Das Besteck liegt gut in der Hand, die Schwerpunkte stimmen, der Entwurf kann umgesetzt werden. In der Besteckfabrik Carl Mertens in Solingen, Deutschland, wird also mit der Produktion begonnen. Aus großen Edelstahlplatten werden schmale Platten geschnitten. Diese werden vorerst grob gestanzt:

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Im nächsten Arbeitsschritt werden die gestanzten Platten gewalzt. Wie man sieht, ist die oben abgebildete Platte schon gewalzt, der breite Teil wird nach oben hin dünner. Die angelieferten Edelstahlplatten haben eine Dicke von etwa 4 mm, doch nur die Griffe müssen für guten Griff und Stabilität ordentlich Masse haben. Laffe, Kelle und Klinge sollen aber deutlich dünner sein und zum Griff hin verlaufend unterschiedliche Materialstärken haben. Auf etw 1,5 mm werden die dünnsten Stellen gewalzt.

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Aus dieser noch sehr undefinierten Platte wird im nächsten Produktionsschritt ein Rohling, auch Brandel genannt, gestanzt:

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Der Steg am Vorderende zeigt, dass aus diesem Rohling eine Gabel werden soll. Im nächsten Stanzvorgang werden Zinken herausgeschnitten:

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Als nächstes landen ca. 350 t Gewicht nicht gerade langsam auf dem Rohling, der in einer je Modell eigens gefertigten Prägeform liegt und durch diese Prägestanzung in seine dreidimensionale Form gebracht wird:

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Vor der Politur wird Löffeln und Gabeln noch “Carl Mertens Solingen Germany 18/10″ eingeprägt – sozusagen Hersteller, Herkunft und Inhaltsangabe. Messer werden erst nach der Politur gemarkt.

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Der schützende Steg hat seine Funktion erfüllt und wird entfernt. Nun können die rauen Kanten der Zinken geglättet werden:

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Alleine für die Kanten einer Gabel sind schon etwa 10 Arbeitsschritte notwendig. An Schleifbändern unterschiedlicher Körnung wird jede Gabel einzeln und händisch von grob bis ganz fein so lange geschliffen, bis die gewünschte Rundung dieser knapp 1,5 mm dicken Stellen erreicht ist.

Fina ist ein Besteck in hochglänzender Optik, Maschinen besorgen das Polieren der Bestecke. Um Reste der Polierpaste abzuwaschen, kommen die Besteckteile in ein Tauchbad. Was aus diesem Laugenbad schließlich auftaucht, sieht im Falle der Gabel so aus:

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Die Produktionsschritte für eine Gabel auf einem Gruppenfoto (die Papiermodelle und 3d Prototypen stehen für die Dessertgröße, die Edelstahlteile sind Stufen der Tafelgröße):

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Wie bei Carl Mertens aus Edelstahlplatten fertige Fina-Teile werden, sieht man schön auf einem von Thomas Feichtner auf Youtube (https://www.youtube.com/watch?v=07hadPsdb00&list=PLJa8KnKM8RAhwREOTtunCJGS0DmMwk3bC&index=9) hochgeladenen Film – “The Making of Fina by Thomas Feichtner for Carl Mertens. Hier wird deutlich, wieviel Handarbeit und wieviel Kontrolle durch das menschliche Auge für ein sorgfältig produziertes Qualitätsbesteck notwendig sind:

Der WDR war 2010 zum 90-jährigen Bestehen von Carl Mertens mit der Kamera auf “Exkursion” in der Fabrik und hat die Dokumentation auf Youtube hochgeladen (https://www.youtube.com/watch?v=TDcnMk0q1dQ&list=PLJa8KnKM8RAhwREOTtunCJGS0DmMwk3bC&index=14). Zwar geht es im Film nicht um Fina, doch kommen viele Arbeiter zu Wort und erklären die Produktionsschritte:

Nicht in Produktion gegangen ist die brünierte Version, die hier für Fina den Schatten macht:

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Weitere – allerdings deutlich ältere – österreichische Bestecke finden Sie hier, skandinavische Besteckklassiker hier, und Allgemeines zu Besteck in diesem Blogpost.

 

Quellen:

Heinz J. Averwerser: Nur Löffel (Katalog zur Ausstellung “Nur Löffel” in der Handwerksform Hannover, 2014)

Thomas Feichtner: Design Unplugged. Sketches/Skizzen (Ausstellungskatalog MAK – Museum für Angewandte Kunst in Wien, Birkhäuser Verlag, 2016)

Thomas Feichtners Website: www.thomasfeichtner.com

 

Dank an Thomas und Simone Feichtner für die zur Verfügung gestellten Objekte und Erläuterungen.

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