dänisches Besteck: Fjord

Jens Harald Quistgaard (1919-2008, DK), über den hier schon einige Male geschrieben wurde, war in seiner Entwurfstätigkeit äußerst vielseitig und überwältigend produktiv; mehr als 4000 seiner Entwürfe sollen alleine für seinen Hauptauftraggeber Dansk Designs umgesetzt worden sein.
Bereits als Kind war er ein begabter Handwerker gewesen, mit Materialien wie Holz, Ton, Metall, Stoff. Als junger Erwachsener ließ er sich zuerst in der Bildhauerei und anschließend zum Zeichner und Silberschmied ausbilden. Als er um die 30 Jahre alt war, wandte er sich dem Produktdesign zu. Er entwarf Töpfe, Bestecke, praktische kleine Küchenutensilien wie einen lgendären Dosenöffner für Raadvad (“der mit der Haifischflosse”), und um eines seiner frühen Bestecke für die industrielle Herstellung soll es hier gehen.

1953 entwarf Quistgaard mit Fjord ein Besteck, das beispielhaft für seine Gestaltungsweise ist:

Die vorderen Teile bestehen aus seidenmatt poliertem Edelstahl und sind allesamt – sowohl Löffel und Gabel als auch die Messerklinge – oval. Löffel und Gabel wirken beinahe gleich breit, die Gabel hat auch ein deutlich gewölbtes Schiff gleich der Laffe des Löffels. Die Kanten von Gabel und Löffel sind so raffiniert poliert, dass sie die Ovale durch die damit evozierten Lichteffekte zierlicher erscheinen lassen.

Auch bei den Messern zeigt sich Quistgaards Meisterschaft in der Linienführung: Das längliche Oval des Messerblattes gleicht dem Blatt einer Pflanze. Die Messerklinge weist am Rücken einen leichten Knick auf, eine betonte Wölbung, wodurch man intuitiv den Rücken von der Schneidseite differenziert und so vermeidet, das Messer falsch in die Hand zu nehmen, das ja ansonsten und im Gegensatz zu den allermeisten Messern sehr symmetrisch aufgebaut ist.

Zum gerundeten Hals hin verlaufen die Laffen bzw. die Klinge in einem kleinen Spitz, gleich einem V-Ausschnitt. Dieser Spitz setzt sich etwa die Hälfte des Halses als feiner Grat fort, das Stück bis zum Holzgriff rundet sich wieder und geht in den passend gerundeten Holzteil über. Dieser Grat ist wesentlich für die feine und elegante Wirkung des materialstarken und keineswegs schlanken Bestecks. Denn hier am Grat kommt das Licht ins Spiel, es teilt sich auf in einen hellen und einen schattigen Teil, was der Silhouette diese grazile Anmutung verleiht.

Die Griffe sind aus Teakholz, setzen nahtlos am Hals an, werden zur Mitte hin dicker und verschmälern sich zu den Enden hin wieder, wo sie gerade abschließen.

Das Besteck war 1954 in einer Designausstellung im Kunstindustrimuseet in Kopenhagen zu sehen. Bei einem Ausstellungsbesuch wurde der amerikanische Unternehmer Ted Nierenberg darauf aufmerksam, er war in Europa um zukunftsweisende Designer und Designerinnen für seine noch nicht gegründete Firma zu suchen. Mit Quistgaard fand er den ersten und prägendsten. Ihre Zusammenarbeit sollte mehrere Jahrzehnte dauern und Quistgaards Handschrift typisch, um nicht zu sagen synonym für das Unternehmen werden.

Nierenbergs Firma wurde folgerichtig Dansk Designs getauft, und man kann sagen, dass das Unternehmen durch Quistgaards zahllose Entwürfe den US-Amerikanerinnen und -Amerikanern dänisches Design at its best nahebrachte und sozusagen für den dänischen Stil stand, der in den USA in der vorigen Jahrhundertmitte so populär wurde: Modern, hochwertig gearbeitet, gleichermaßen funktionell und ästhetisch – skandinavisch.

Noch eleganter als das Tafelmesser wirkt das Steakmesser mit seinem spitz zulaufenden, lanzettförmigen Blatt. Das Tranchierset greift die Linien des Steakmessers und der Vorlegegabel auf:

Das Besteck war nicht allzu umfangreich, neben dem Tafelbesteck und dem Steakmesser waren eine kleine Gabel, ein kleiner Löffel, Buttermesser, Obstmesser, Drinklöffel, Salat-/Vorlegebesteck, Vorlegegabel, Saucenlöffel, ein kombinierter Flaschen- und Dosenöffner sowie ein Vielzweckmesser Teil des Musters:

Die Variante mit schwarzen Nylongriffen lief unter dem Namen Kongo.

Eine ungefähre Datierung wird durch unterschiedliche Stempel möglich. Anfangs monogrammierte Quistgaard noch mit JHQ…

…später mit IHQ:

Etwa Anfang der 1960er verschwanden die schwimmenden Enten aus dem Logo.

Wie beinahe alle Produkte aus dem Hause Dansk Designs wurde auch dieses Besteck nicht in den USA sondern in Europa gefertigt. In Deutschland (Solingen), Finnland und Dänemark waren die Produktionsstätten.


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