Klassiker bei Tisch: Bestecke aus Österreich

Das um 1770 gegründete Neuzeughammer-Ambosswerk in Neuzeug bei Steyr in Oberösterreich produzierte in den 1950ern bis 70ern sehr interessante Bestecke. Bekannte Designer waren etwa Carl Auböck jr. oder Helmut Alder, und mit dem Entwurf 7000 des ungarischen, damals gerade 32jährigen Künstlers János Megyik kam Amboss im Jahr 1970 zu einem der beeindruckendsten Bestecke des 20. Jahrhunderts.

Das Ambosswerk begann 1963 eine Zusammenarbeit mit Rosenthal und wurde 1969 schließlich von Rosenthal übernommen. Deshalb fanden sich manche Amboss-Entwürfe in der Rosenthal Studio-Line wieder. In den 1970er Jahren trennten sich beide Firmen wieder von einander, in den frühen 1990ern schließlich dürfte Amboss seine Pforten endgültig geschlossen haben.

Amboss erhielt für sehr viele seiner Bestecke Auszeichnungen und Preise. Auch das Verpackungsdesign des Linzer Malers und Grafikers Hans Schaumberger wurde oft prämiert.

Das Metallwerk von Alois Weichselbaumer in Neuzeug bei Steyr produzierte für Amboss unter dem Namen alwe Bestecke, was in Preislisten von Amboss dann so vermerkt war:
“Ambosswerk Neuzeughammer GmbH, Betriebsabteilung Weichselbaumer A-4523 Neuzeug”.

Ein weiterer Besteckhersteller bei Steyr waren die 1933 gegründeten Pils-Werndl-Werke in Steinbach, die 1967 schließen mussten.

Noch immer in Betrieb ist das im 1843 gegründete Metallwerk Berndorf in Berndorf nahe Baden in Niederösterreich, wo noch heute Bestecke produziert werden. Nicht nur Tafelbestecke, sondern auch Bordbesteck für Austrian Airlines oder Lauda Air wurden hier hergestellt.

Wie schon der Beitrag zu Bestecken aus Skandinavien und Finnland ist dies ein posting in progress. Allgemeines zu Bestecken kann hier nachgelesen werden.


frühe 1930er Jahre, Kinderbesteck
Werkszeichner Karl Weber für Berndorf
Von Karl Weber ist laut Auskunft des Kruppstadtmuseums in Berndorf nicht viel mehr bekannt, als dass er Zeichner bei Berndorf war und 1937 nach Brasilien emigrierte.
Das Besteck ist aus Edelstahl mit einer 90er-Silberauflage gefertigt:

Die Griffenden zieren Märchenthemen aus Aschenputtel, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen und Schneewittchen und die sieben Zwerge:


vor 1957, Heurigenbesteck 3010
Ein Werksentwurf von Amboss (A) nach frühen Zeichnungen Helmut Alders.
Dieses bei aller Schlichtheit sehr ungewöhnliche Heurigen- oder Jausenbesteck wurde 1959 mit dem iF product design award ausgezeichnet:

Es bestand nur aus Gabel und Messer. Den Edelstahlgriffen wurden Pagholzpaneele aufgelegt und mit Messingstiften genietet.


1957/58, 2070
Helmut Alder (*1924) für Amboss (A):

Die Dessertgröße wurde von der AUA als Bordbesteck eingesetzt:

Amboss AUA 2070 Helmut Alder_logo


um 1955, Speck-Bsteck 1050
Vermutl. Werksentwurf von Amboss (A), hier in der Studio Line-Ausführung von Rosenthal (die unter dem Namen Buffalo lanciert wurde):

Es heisst, dass dieser Entwurf für Amboss wegen der aufwendigen Verarbeitung des mehrteiligen Griffes aus Edelstahl mit Messingnieten und exotischem Palisanderholz in der Herstellung einer der teuersten war.


um 1960/70
Werksentwurf für Amboss, produziert von der Betriebsabteilung Weichselbaumer, gemarkt mit ALWE (ALois WEichselbaumer).
Neben einer Hornausführung gab es auch die Ausführung in Palisander, wie hier abgebildet:

Auch dieses an sich simple Alltagsbesteck wurde mit Messingnieten und Palisanderholz gefertigt.


vor 1967
Designer unbekannt, für die Pils-Werndl-Werke (A):

Einzig der Hersteller ist mir bekannt: Die Messer- und Stahlwarenfabrik Franz Pils & Söhne, auch Pils-Werndl-Werke genannt, die von 1933-67 in Steinbach bei Steyr in Oberösterreich tätig waren.

1933 kauften Franz Pils und seine Söhne Franz und Luwig die 1880 gegründete und 1929 stillgelegte Messerfabrik “Ludwig Werndl’s Nachfolger Mach & Dworczak” in Steinbach und brachten mit ihrer Besteck- und Messerproduktion wieder Leben in die alten Fabrikshallen. Nach den Firmen Hackwerke in Steyr und Neuzeughammer-Amboss in Neuzeug wurden die Pils-Werndl-Werke zur drittgrößten Messerfabrik Österreichs. Neben dem eigenen Sortiment produzierten sie auch Klingen für u.a. Berndorf und Hertzka.

Als Billigimporte aus Asien aber zunehmend zur Konkurrenz wurden, musste Konkurs angemeldet und das Werk 1967 geschlossen werden. 200 Menschen in der 2000 Einwohnende zählenden Gemeinde verloren ihren Arbeitsplatz und Steinbach geriet in eine wirtschaftliche und psychosoziale Krise. Ein wohl durchdachtes, die Bevölkerung einbindendes Konzept machte Steinbach ab Mitte der 1980er Jahre wieder zu einer prosperierenden Gemeinde (Zu diesem sog. “Steinbacher Weg” siehe auch hier). Die historische Fabrikshalle von Pils Werndl in Steinbach, die früher der Messererzeugung diente, ist heute ein Kulturzentrum.

Das Besteck kommt grobkantig daher, mit einer markant eckigen Gabel, deren Kurzzinkigkeit und flache Form die Materialität noch betonen. Gekonnt spielt der Entwurf gegen diese Dicke und Kantigkeit eine feine, sehr schmale Messerklinge aus. Die kleine Profilierung an der Oberseite der Griffenden verleiht den Teilen etwas mehr Leichtigkeit.

Auffällig: Es besteht eine deutliche Ähnlichkeit der Gabel mit Helmut Alders Modell 2300 (2. Version) für Amboss:

Alder entwarf sein Besteck 2300 für das 200-jährige Jubiläum von Amboss, das im Jahr 1969 gefeiert wurde. Ein weiteres Jubiläumsbesteck für Amboss mit der Musterbezeichnung 2200 entwarf Alder 1967/68, und auch hier ist die Gabel eckig mit stark gewölbtem Schiff. Vielleicht war ja Alder auch für Pils Werndl tätig (sollte ich dazu noch etwas herausfinden, wird das hier ergänzt).

Für das Firmenzeichen wurde der liegende Hammer gewählt (- die Kollegen in Neuzeug bei Steyr hatten ja schon den Amboss im Logo):


1969, 2300
Helmut Alder (*1924) für Amboss (A):

Helmut Alder (*1924) entwarf für das 200-jährige Bestehen der Firma Amboss (A) im Jahr 1969 ein Jubiläumsbesteck mit der Musterbezeichnung 2300. Doch gibt es zwei sehr unterschiedliche Ausführungen der Messer, Gabeln und Löffel. Wer Helmut Alders Bestecke kennt, wird nicht lange zögern und die linke Gabel als seinen Entwurf identifizieren:

Die rechte Gabel war Teil der nachträglich so genannten 1. Version, die ein werkseigener Entwurf war, laut Helmut Alder (zitiert nach Heinrich Averwerser) aber “floppte” und erst nach einer formalen Überarbeitung durch Alder ein Erfolg wurde.

Diese 1. Version hatte eine konventionelle Gabelform, der Tafellöffel war weniger stark gemuldet und fasste daher weit weniger Suppe (und das in einem Suppenland wie Österreich!), und die Messerklinge war so lang wie der Griff. Das Material der Griffauflage war Palisander, Hirschhorn oder Pagholz (wie bei den hier gezeigten Teilen).

Dieser konservative Werksentwurf wurde schließlich eingestellt, Alders Überarbeitung – die sog. 2. Version – kam in Produktion. Hier waren die Gabelzinken im Vergleich zum Schiff kurz, der Suppenlöffel war trapezförmig und fasste doppelt soviel wie Version 1, die Messerklinge war deutlich kürzer. Die Griffe waren schmäler und es wurde nur noch Palisander oder Pagholz als Griffauflage verwendet.

Links Tafelmesser und -gabel der 1. Version, rechts Gabel und Fischmesser nach Alders Entwurf:

Auch Vorlegeteile gehörten zum Modell 2300:

Für welche Version und damit für wessen Entwurf man sich bei Rosenthal entschied, als die deutsche Firma das Besteck in ihr Sortiment aufnahm, kann ich nicht sagen. Links die (oder eine der?) Amboss-Ausführung(en), rechts die Rosenthal-Ausführung:

Mehr zu diesem und weiteren Amboss-Besteckan kann im – leider vergriffenen – Ausstellungskatalog von Heinz-Jürgen Averwerser & Jörg Müller-Daehn nachgelesen werden, das auch für die hier geposteten Informationen als Quelle diente.


Alter unbekannt, AUA Bordbesteck
Berndorf
Hier der kleine Löffel in einer Präsentpackung der AUA (der Schwund durch Fluggäste dürfte dennoch hoch gewesen sein…):


1970, 7000
János Megyik (*1938, HU) für Amboss (A):

Eines der avantgardistischsten Bestecke, die das 20. Jahrhundert hervorbrachte, wurde 1970 vom ungarischen Künstler János Megyik (*1938) für das Neuzeughammer-Ambosswerk in Steyr entworfen.

Das Besteck erhielt die Modellnummer 7000.

Den skulpturalen Charakter erreichte Megyik durch plastische Verformung flacher Edelstahlbleche. Jedes Teil liegt hervorragend in der Hand, die Gabel lässt sich sowohl mit der Linken als auch mit der Rechten wunderbar führen. Für das Erreichen dieser Ergonomie waren vermutlich viele Greif- und Ess-Studien sowie etliche Prototypen notwendig. Betrachtet man die Gabel und den Löffel genauer, erkennt man die jeweils asymmetrischen Quetschungen des Halses und eine leichte “Verzogenheit”, die für die gute Handhabung beider Teile mit verantwortlich sind.

Der gewölbte Messergriff schmiegt sich beim Schneiden gut in die Hand…

…und die Teile schmiegen sich gut ineinander.

Das Licht kann sich bei diesem Besteck schön in die Kurven legen, was einen Teil der Ästhetik des Entwurfes ausmacht.

Das Besteck wurde mehrfach 1:1 kopiert, u.a. in Japan (Georgian House).

Hier das Amboss-Firmenlogo:

Megyik, der 1956 nach Österreich geflohen war, lebte viele Jahrzehnte in Wien, wo er Malerei an der Akademie der bildenden Künste studierte, u.a. bei Herbert Boeckl und Josef Dobrowsky. Hier kann man einen Eindruck von seinen Arbeiten gewinnen.

 

Literatur:

Heinz-Jürgen Averwerser & Jörg Müller-Daehn: Amboss. Bestecke – Flatware 1950-1992 (2010, Solingen)
Bauer, Wolfgang-Otto: Europäisches Besteck-Design 1948-2000 (Arnoldsche, 2007)

Dem Kustos des Messerermuseums Steinbach, Dr. Heinz Kieweg sei hier herzlich gedankt. Von ihm konnte ich die Details zu den Verquickungen und Entwicklungen der Firmen Werndl und Pils erfahren.

Dank an Heinrich Averwerser für zahlreiche Details und Hinweise zu verschiedenen Amboss-Bestecken.

Dank auch an Johannes Treytl-Hartmann für seine Assoziationen und Überlegungen zu den zwei existierenden Versionen des Ambossbestecks mit der Modellnummer 2300.


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